Fenster

Veröffentlicht auf von elisabethdieerste

Die Fenster sind beschlagen. Ihre Finger ziehen Linien auf der kalten nassen Scheibe. Ohne zu wissen, was sie eigentlich tun. 

Sie spürt die nächste Träne kommen. Da ist sie, ganz unschuldig, wie als würde sie zu ihr gehören. Im Rinnsal einer anderen. ‘Warum immer weinen?’

Und plötzlich erfasst sie scheinbar eine unfassbare Wut. Vom kleinen Zeh bis zur Haarspitze. Die kleinen blonden Haare stellen sich auf ihrer Haut auf, an den Armen, an den nackten Beinen. Wut auf die Welt, die beschlagenen Scheiben, das Wasser, die Linien. Sie schlägt mit der Faust gegen die Fenster, ohne, dass mehr passiert als der Widerhall eines dumpfen Schlages. 

Sie dreht sich zu dem düsteren Raum um und sinkt gegen die Wand. Die Stirn auf die Knie gelegt. Sie zittert vor Anspannung. 

Das war nicht fair. 

 

Vor einer Stunde noch, als es hell war, ist sie singend und tanzend durch die leeren Flure getanzt. Draußen war es bunt, Vögel haben gezwitschert und durch die offenen Fenster hat sie den Geruch von Sommer wahrgenommen. Nur ganz leicht, aber er würde kommen. 

Die Stereoanlage dröhnte so laut, dass sie das erste Klingeln gar nicht mitbekam. 

Beim zweiten Mal lief sie dann leichtfüßig und beschwingt zur Tür. 

Und als er davor stand, hob ihre Stimmung noch um ein Müh an. Sie viel ihm um den Hals, ließ ihn herein, stellte die Musik leiser und komplementierte ihn in das noch unfertige Wohnzimmer. Dort standen Farbeimer herum und Die Plastefolie auf dem Boden war voller bunter Farbspritzer. 

Als sie ihn dann das erste Mal wirklich ansah, stutzte sie. Sie ging auf ihn zu, aber seine Haltung ließ sie dann doch auf Abstand bleiben. 

Seine sonst so gerade Haltung war schlaff geworden, seine Schultern hingen herunter, seine Augen waren geschwollen, sein Haare fettig. Das war ihr nicht aufgefallen, als sie ihn hereingelassen hatte.

Er sah sie an, sein Blick ging nicht mehr unter ihre Haut, er sah bedauernswert aus. Die sonst leuchtenden grünen Augen hatten ihren Glanz verloren. 

Sicher, sie hatten sich eine gute Woche nicht gesehen, aber wie konnte er sich so verändern? 

Der abgetragene Parka hatte noch nie so viel zu groß gewirkt wie heut. 

Plötzlich kamen all die Gefühle der Zuneigung wieder in ihr hoch. Seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, hatte er sich so verändert. Sie wollte hingehen. Ihn nochmal umarmen. Ihm ihre ganze ungeteilte Liebe geben. So wie sonst auch. Doch irgendetwas hielt sie davon ab. Sie wusste nicht was. 

Wie eine Wand baute sich dieses ‘Etwas’ zwischen ihnen auf. Es wurde größer und mächtiger, wie ein Schild, dass er um sich zog, um niemanden an ihn heranzulassen. Er schirmte sich ab, von dem Leben, von ihr. 

“Ich liebe dich.”, hatte er gesagt, vor ein paar Tagen. Es hatte geregnet, es war kalt gewesen. Und sie saßen auf einer Bank im Park. Die Regentropfen plumpsten von ihren Nasen. Aber sie waren glücklich. Sie hatten schließlich sich. Der Regen war ein Nichts. Und jetzt das. Was sollte dieses riesige “Etwas”, das sie mit jeder Sekunde von ihm wegbrachte. 

Immer noch sah er sie unverwandt an. 

 

“Ich werde sterben. Ich weiß es seit gestern. Krebs. Wir können uns nicht mehr sehen. Es ist besser für uns beide, vor allem für dich. Es tut mir Leid.”

Über sein sonst ausdrucksloses Gesicht lief ein Schauer. Noch einmal sah er sie ganz unverwandt an. Dann drehte er sich um und ging. 

Einfach so.  

Der Geruch von Sommer war weg. Der Frühlingsregen auch. Einfach so. 

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