Liebster Schafskopf

Veröffentlicht auf von elisabethdieerste

Liebster Schafskopf,

 

weißt du noch, dass ich das ich das immer zu dir gesagt habe, wenn ich deine tollen blonden Locken mal wieder zu durchgewuschelt hatte, dass du nichts mehr gesehen hast? 

Du warst ganz das Gegenteil von mir, mit meinen glatten langen Haaren. Als ich älter wurde habe ich mich sogar manchmal gefragt, ob du wirklich mein Bruder sein kannst. Aber du hast immer gesagt, Mama hätte dir erzählt, dass du aussiehst wie irgendein verrückter Großonkel, der in der Klapse gestorben ist. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich diese Geschichte wirklich glauben soll. 

 

Ich bin jetzt so oft ganz allein, liebes Brüderchen. Wenn ich abends hier in meiner kleinen Eineinhalbzimmerwohnung in deinem alten Knautschsessel sitze, denke ich oft daran, wie du mir früher von ebendiesem Sessel deine Geschichten erzählt hast. In unserem kleinen Zimmerchen, dass wir auch noch zusammen bewohnen mussten.  Von den spannenden Abenteuern, die du mit deinen Freunden draußen vor unserer Stadt erlebt hast. Und als ich noch ein ganz kleines Mädchen war, hab ich immer davon geträumt, mit euch gehen zu können, vor allem aber, weil immer der Fridolin mitgegangen ist. Der hat ja allen Mädchen den Kopf verdreht. Das hab ich dir auch nie erzählt, oder? 

Er hat mich damals sogar gefragt, ob ich mit ihm zu eurem Abschlussball in der zehnten Klasse gehe, aber damals war ich schon alt genug um zu wissen, dass dir das bestimmt nicht passt. 

Du hast mich ja immer beschützt und wenn ich mit deinem besten Freund beim Abschlussball aufgetaucht wäre, das wäre doch nicht gut gegangen, oder? 

Ich vermisse unsere Gespräche, du hast mir alles erzählt. Du hast mir sogar von Mädchen erzählt, in die du verliebt warst, als ich älter wurde. Oder von deinen ersten Drogen. Ich weiß, dass musstest du mir nicht erzählen, schließlich musste ich dich abholen, weil du einem Kumpel das ganze Zimmer vollgekotzt hattest und du nicht wolltest, dass Papa was davon erfährt. 

 

Papa liegt seit drei Tagen im Krankenhaus. Er bekommt keine Luft mehr und vielleicht hat er Krebs. Ich glaube, er wünscht sich, dass du ihn besuchen kommst. Er spricht nicht über dich. Und er weiß auch nichts davon, dass ich deine Adresse herausgefunden habe. Die Ärzte meinten, es sieht nicht gut aus mit ihm. Er macht es nicht mehr lang. 

Und ich vermisse dich auch. 

 

Ich weiß, dass wir uns viel zu oft gestritten haben, du und ich. Aber genausoviel haben wir doch gelacht. Wir waren doch ein Dreamteam. Das Dreamteam. 

Ich hab immer geglaubt, dass wir mal irgendwann zusammen in unseren Rollstühlen irgendwo in einem Altenheim sitzen und Karten spielen und so viel lachen, dass uns die Gebisse ausreißen. 

 

Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern, als du fortgegangen bist. 

Das war ein Tag vor dem, an dem es dein Zeugnis für das erste Halbjahr der zwölften Klasse gab. Papa und ich wussten ja, dass es nicht so gut aussah. 

Ich sehe dich noch vor mir, wie du mit Türen geplauzt hast, du hast sogar Mama’s Bild durch die Gegend geworfen. Du hast unser Zimmer gestürmt deine Sporttasche gepackt und bist gegangen. Du hast uns angeschrien, wir wären nicht deine Familie. 

Ich weiß noch, dass mir das alles furchtbar absurd vorkam. Das passte nicht zu dir, zu deinem liebevollen Charakter. Zu deinen Engelslocken. 

Heut bin ich mir sicher, dass es schon lang in dir gebrodelt hat. Ich habe mit Fridolin viel über dich geredet, als du gegangen bist. Er hat das nicht verstanden, aber er hat mir erzählt, dass du manchmal schnell aggressiv geworden bist, oder jähzornig. Das wusste ich nicht. Diese Seite kannte ich nicht an dir. Ich. Ich dachte, niemand kennt dich besser als ich. Aber bei mir warst du immer liebevoll und gut.

An dem Tag, als du fortgingst ist mir eine Welt zusammen gebrochen. 

 

Ich habe so oft wach gelegen und mir gewünscht, du würdest plötzlich zu Tür reinkommen, mir über die haare streichen und dann zu mir unter die Decke krabbeln, nur um mich festzuhalten. Damit ich weiß, dass du da bist und mich beschützt. Das hast du immer gesagt. 

 

Jetzt bist du der verlorenen Sohn, wie in dem Bibelgleichnis, weißt du noch? Das hast du mir manchmal vorgelesen. Oder die Geschichte in der Jesus über’s Wasser geht. 

 

Du fehlst mir. Ich halte nicht mehr viel von dem Bibelkram, aber ich wünsche mir abends in meinem dunklen Zimmer nichts mehr, als dass du da bist und mir vorliest. 

Wenn es denn unbedingt sein muss auch aus der Bibel. 

 

 

Deine kleine Schwester.

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