Filou - und ohne Namen

Veröffentlicht auf von elisabethdieerste

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Filou. ♥

Er wächst und wächst. Und das Leben in ihr wird größer. Von Monat zu Monat.
 
Eine Nacht und ihr gesamten Leben fällt auf den Kopf, rennt gegen die Wand, taucht zu tief. 
Sie sind zu weit gegangen. Aber sie haben es ja nicht geahnt. Alkohol, laute Musik, Überschwemmung der Gefühle. Wie es doch so oft ist. 
Am Morgen danach fühlte sie sich verachtenswert. Ihr ist schlecht, sie versucht sich zu erinnern, was passiert ist. Sie ist nackt und ihr Kopf pocht hartnäckig, als sie versucht zu rekonstruieren, warum sie entblößt in einem Bett liegt, das ihr fremd und doch so bekannt ist. Nur aus einer anderen Perspektive. Sie kann sich nicht erinnern. 
Nun schließt sie die Augen. Ihr Mund ist trocken, ihre Zunge pelzig. Am liebsten würde sie sich umdrehen und weiterschlafen, aber ihr Magen macht ihr einen Strich durch die Rechnung. Sie stöhnt leise auf. Ihr Herz schlägt schneller als sie ein Geräusch neben sich hört. 
Als er sich umdreht starren sie sich nur an. Sie können nicht anders. Es war eine gute Nacht. Eine schreckliche wunderbare Nacht, denkt er. Er weißt, dass er das nicht denken darf, dieses Mädchen bedeutet ihm zu viel, als dass er so denken dürfte. 
Er weiß genau was passiert ist. Er will nicht darüber nachdenken. Er spürt, wie sich seine Muskeln und sein Herz bei diesen Erinnerungen anspannen. Ihr grünen Augen leuchten regelrecht in sein Gewissen im dunkelblauen Nachtschimmer seines Zimmers.
Er hätte sie einfach nach Hause bringen können. Ganz einfach. Warum liegt sie jetzt da, neben ihm, in seinem Bett? 
Er sieht sie an und ist überrascht als er eine Träne ihre Wange hinunterrollen sieht. Er legt den Arm um sie und bettet ihren Kopf auf seiner nackten Brust. 
Dort hatte sie schon oft gelegen. Bloß nicht so. Und im Besitz ihrer Klamotten. Und nicht in seinem Bett. 
Sie liegt mit dem Kopf auf seinem Herzen. Sie will nicht fragen, sich nicht in die Gewissheit bringen, was sie getan hatten. Sie wollte nicht an die Zukunft denken. Er sollte nicht an die Zukunft denken. Was hatten sie sich gedacht? 
Das war die Zukunft. Sie saßen jetzt nicht mehr im Sandkasten wie vor siebzehn Jahren und bauten Sandkuchen, den sie immer gegenseitig verkostet hatten. 
Jetzt lagen sie da, wie das Liebespaar, dass sie sich wünschen. Nur nicht miteinander. Sie hatten Träume, Wünsche Sehnsüchte. Aber. Aber nicht miteinander. Nicht Hand in Hand. 
Sie stützte sich auf und sah ihn an. 
“Dreh dich um. Bitte”
Er drehte sich um. Er sah durch die Spalten des Rollos, wie die Sonne langsam aufging und der Himmel sich blutrot färbte. 
Er hörte, wie sie sich langsam von der Bettkante erhob und ihr Sachen überstreifte. Als er sich im Bett aufsetzte, zag sie sich gerade den Norwegerpullover über den Kopf, den er ihr zum Geburtstag vor einer Woche geschenkt hatte. 
Sie versuchte ein Lächeln, quälte sich damit und ließ es dann bleiben. 
Die Stille war furchtbar schwer geworden. Sie stand vor seinem Bett, blicke ihn an. Das vertraute Gesicht, die etwas zu große Nase, über die er sich immer aufregte. Die sanften braunen Augen, die ihr einen Blick zuwarfen, den sie nicht deuten konnte. Die langen Finger lagen auf der Bettdecke und versuchten seine Hände stillzuhalten. Er hatte Muskeln bekommen, er sah gut aus. Sie wandte sich ab, als ihr bewusst wurde, wie paradox dieser Augeblick war. Sie ging, ohne Worte des Abschiedes. 
Die Tränen liefen ihr immer noch über das Gesicht. 
Er wächst und wächst. Mittlerweile lässt sich ihr Zustand nicht mehr leugnen. 
‘Ob es wohl aussehen wird wie er?’
Es gab nur wenige Zusammentreffen zwischen ihnen. Früher hatten sie sich solche Momente manchmal ausgemalt. Er würde zu ihr halten, sich um sie kümmern, sich um das Baby kümmern.  Patenonkel wollte er immer werden. 
Aber damals wussten sie noch nicht, dass er der Vater des Babys sein würde. Ihr bester Freund. 
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